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Hey Blues 👋

Freitagabend, ich sitze noch am Schreibtisch und will eigentlich nur den letzten Kunden-Post freigeben. Dann ploppt eine Nachricht rein: "Mein SSI ist weg." Auf dem Screenshot ein rotes Banner, wo sonst die Zahl stand.

Falls du mit der Abkürzung nichts anfangen kannst: Der Social Selling Index ist ein Score von 0 bis 100, den LinkedIn seit 2015 jedem Mitglied kostenlos zeigt. Vier Säulen, jede maximal 25 Punkte: Professional Brand aufbauen, die richtigen Leute finden, mit Insights interagieren, Beziehungen aufbauen. Täglich neu berechnet, mit Ranking gegen deine Branche und dein Netzwerk. In der DACH-Bubble ist er seit Jahren die Zahl, die in Trainings, Profil-Audits und (leider) auch in Angeboten als Beleg für "LinkedIn-Reife" herumgereicht wird.

Genau diese Zahl verschwindet jetzt hinter dem Sales Navigator. Und die Kurzfassung meines Schlusses vorweg, damit du weißt, wo die Reise hingeht: Ich werde den SSI nicht vermissen. Ich glaube, du solltest es auch nicht.

In dieser Ausgabe:

  • Was LinkedIn gerade mit dem Social Selling Index macht (und was auffällig fehlt)

  • Was dieser Score wirklich gemessen hat, wenn man die unbequeme Hälfte der Liste mitliest

  • Wie LinkedIn seinen eigenen Score inzwischen bewertet, und was ich stattdessen zähle

Let’s go! 🕺

Ein rotes Banner und viel Stille

Erst die Fakten, dann die Meinung.

Wenn du linkedin.com/sales/ssi öffnest, hast du bis vor kurzem eine Zahl zwischen 0 und 100 gesehen, aufgeteilt in vier Säulen.

Seit Anfang August sehen manche Leute stattdessen ein Banner. Sinngemäß: Dein Zugang zur SSI-Seite wird bald eingestellt, SSI ist ein Sales-Navigator-Feature, hol dir Sales Navigator, wenn du den Score behalten willst. Darunter keine Zahl mehr, nur der Hinweis, dass "keine Daten verfügbar" seien.

Was ich dazu belegen kann:

Das Banner ist auf mehreren Accounts dokumentiert.

Ratgeber, die Mitte Juli noch aktualisiert wurden, beschreiben den freien Zugang ohne Banner. Der Rollout hat also irgendwann zwischen Mitte Juli und Anfang August begonnen.

LinkedIn selbst sagt nichts. Keine Ankündigung, kein Help-Artikel, kein Datum. Das Banner sagt "soon", mehr nicht.

Der letzte Punkt ist der, der mich am meisten beschäftigt. LinkedIn hat nämlich eine feste Routine, wenn ein Sales-Navigator-Feature stirbt: Es gibt einen eigenen Help-Artikel "X is no longer available". PointDrive hat einen bekommen, Sales Preferences, Suggested Leads, Account Tags. Für den SSI gibt es keinen. Auch die Quartals-Release-Notes von Sales Navigator, Stand April bis Juni 2026, erwähnen nichts.

Dafür ist im Hintergrund still aufgeräumt worden. Das Tip Sheet "How to Interpret Social Selling Index" war im April noch online und leitet jetzt weg. Die SSI-Landingpage leitet seit Ende Mai auf eine andere Seite um (dazu gleich mehr). Der Admin-Guide, der den Score aufschlüsselte, war im Mai noch da und ist seit August weg. Vier Seiten in vier Monaten, ohne ein Wort dazu.

Und dann ist da noch dieses Detail, das ich fast am besten finde: Die Ankündigung vom 3. August 2015, mit der LinkedIn den SSI für alle freigegeben hat, ist immer noch live. Titel: "Get Your Score: LinkedIn Makes the Social Selling Index Available for Everyone". Kein Update, kein Hinweis. Das Versprechen und die Paywall stehen am selben Tag auf den Seiten derselben Firma.

Ich kann dir nicht sagen, wann der SSI für Basic- und Premium-Accounts endgültig weg ist. Ich kann dir sagen, dass LinkedIn ihn seit einem Jahr leise beerdigt.

Ob das eine Rolle rückwärts gibt, falls LinkedIn merkt, dass dadurch keine einzige Sales-Navigator-Lizenz mehr verkauft wird? Möglich. Ich würde nicht darauf wetten, aber ausschließen kann ich es nicht.

Was der SSI wirklich gemessen hat

Jetzt zu dem Teil, der mich diese Woche am meisten überrascht hat. Und zwar, weil ich dachte, ich wüsste, wie der Score funktioniert.

Die einzige Seite, auf der LinkedIn die Inputs des SSI aufschlüsselt, ist ein Help-Center-Artikel, den LinkedIn selbst mit "Last updated: 7 years ago" stempelt. Dort steht, was in die vier Säulen einfließt. Ich habe die ganze Liste gelesen. Hier ist, was drinsteht:

Professional Brand: Profil-Vollständigkeit inklusive Endorsements, veröffentlichte Artikel und die Follower, die daraus entstehen.

Find the right people: Personensuchen, Profilaufrufe, aktive Tage.

Engage with insights: Shares, Likes, Kommentare, Reshares, gesendete Nachrichten und deren Antwortrate, beigetretene Gruppen.

Build relationships: Anzahl Kontakte und die Annahmequote deiner Kontaktanfragen.

Fairerweise: Zwei Inputs greifen über reine Aktivität hinaus. Endorsements sind andere Leute, die für dich bürgen. Follower aus Artikeln sind ein Publikum, das bleiben will.

Aber schau dir die Gewichtung an. Wie viele Tage du aktiv warst. Wie viele Suchen du gemacht hast. Wie oft deine Anfragen angenommen wurden. Das meiste davon ist Bewegung.

Kein einziger Input fragt, ob dein Text gut war. Oder ob die richtigen Leute ihn gelesen und dir geglaubt haben.

Und dann steht da noch ein Satz, der die ganze Paywall besser erklärt als jede Analyse: Als Sales-Navigator-Nutzer fließen auch die Daten aus deiner Nutzung von Sales Navigator in deinen SSI ein. Lies das noch mal. Für die Leute, für die dieser Score gebaut wurde, war er immer auch ein Zähler dafür, wie viel sie das bezahlte Tool benutzen. Ein Nutzungsmeter, entwickelt vom Team, das das Tool verkauft. Dass so ein Meter irgendwann hinter dem Abo landet, ist keine Überraschung.

Jetzt die zwei Mythen, die ich in den Nachrichten dieser Woche gefühlt zehnmal gelesen habe.

Mythos 1: Ein hoher SSI bringt Reichweite. Ich habe jede LinkedIn-Seite zum SSI gelesen, die ich finden konnte: Dashboard, aktuelle SSI-Seite, Help-Artikel, die 2015er Ankündigung, die archivierten Guides. Auf keiner davon behauptet LinkedIn, dass der SSI den Feed, die Suche, das Recruiter-Ranking oder die Profil-Sichtbarkeit beeinflusst. Nirgends. Der Score ist überall als Output aus deiner Aktivität beschrieben, nie als Input in irgendwas. Der Glaube, dass ein höherer SSI deine Posts weiter trägt, hat keine Quelle bei LinkedIn. Er hat nur viele Leute, die sich gegenseitig zitieren.

Mythos 2: Andere sehen deinen Score. Das einzige Publikum, das LinkedIn irgendwo dokumentiert, ist ein internes: dein Sales-Navigator-Team und dein Admin, als Leaderboard. Keine Recruiter, keine Kunden, keine Kontakte. Die Zahl, um die gerade getrauert wird, hat außer dir nie jemand gesehen.

LinkedIn gegen LinkedIn

Ich habe oben gesagt, dass die SSI-Landingpage jetzt woandershin leitet. Die Seite, auf der man landet, heißt "From SSI to AI". Und sie ist actually das interessanteste Dokument in dieser ganzen Geschichte.

Dort schreibt LinkedIn, der SSI spiegele das moderne Verkaufsumfeld nicht mehr akkurat wider. Ein hoher Score stehe nicht immer für die Wirksamkeit eines Verkäufers und korreliere nicht zwingend mit messbaren Ergebnissen. Und dann der Satz, den ich dreimal gelesen habe: Die Zeit und der Aufwand für hohe SSI-Scores könnten Leute davon ablenken, Deals zu schließen und echte Kundenbeziehungen aufzubauen.

Die Firma, die den Score gebaut hat, erklärt das Jagen nach dem Score zur Ablenkung.

Halt das mal neben die Zahlen, mit denen der SSI 2015 verkauft wurde: Wer Social Selling gut macht, erreiche mit 51 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit seine Quota. Social-Selling-Leader erzeugten 45 Prozent mehr Opportunities als Kollegen mit niedrigerem SSI. Ich habe zu beiden Zahlen keine Stichprobe, keinen Zeitraum und keine Methode gefunden. Falls du sie jemals in ein Deck kopiert hast: Daher kommen sie. Und dieselbe Firma sagt jetzt, hohe Scores korrelieren nicht immer mit Ergebnissen. Das ist das andere Ende derselben Behauptung.

Und ja, dieselbe "From SSI to AI"-Seite hat immer noch einen Button "Get your SSI score". Der führt aktuell auf das Banner, das dir sagt, du sollst Sales Navigator kaufen. LinkedIn lädt dich also ein, einen Score zu checken, sagt dir, dass der Score nichts über Ergebnisse aussagt, und bittet dich, dafür zu bezahlen, ihn weiter zu sehen. Alles auf einer Seite.

Ich lese es als eine Plattform, die einen Aktivitätsscore aus 2014 mit einem Feed aus 2026 nicht mehr zusammenkriegt.

Denn das ist der strukturelle Punkt: Der SSI stammt aus einer Zeit, in der Reichweite auf LinkedIn vor allem aus Volumen entstand. Mehr posten, mehr vernetzen, mehr aktiv sein. Der Feed hat sich seitdem in Richtung Themenkonsistenz und Interessen-Ranking bewegt (ich habe dazu vor ein paar Ausgaben geschrieben). Ein Score, der dich für "Tage aktiv" belohnt, misst genau das, was heute am wenigsten zählt.

Was ich stattdessen zähle

Die Frage ist also: "Was nehme ich jetzt als Orientierung?"

Ich habe lange darüber nachgedacht, und meine ehrliche Antwort ist: Ich hatte nie eine Zahl. Ich hatte vier Signale. Keines davon braucht ein Dashboard.

Wer antwortet, statt wie viele. Zehn Kommentare aus der falschen Abteilung sind weniger wert als eine Antwort von der Person, die du seit einem Jahr erreichen willst. Ich schaue mir bei jedem Post an, wer im Kommentarbereich auftaucht. Die Namen sagen mehr als die Anzahl.

Ob Posts weitergeschickt werden, statt geliked. Ein Like ist ein Reflex. Ein Post, der per Nachricht an einen Kollegen weitergeleitet wird, ist eine Entscheidung. Jemand fand, dass genau diese eine Person das lesen muss. Das ist die Währung, die ich will.

Ob Inbound-Nachrichten dich zitieren. Wenn jemand Fremdes sein Anschreiben mit einem Satz beginnt, den du vor drei Wochen geschrieben hast, macht deine Positionierung die Arbeit. Das passiert mir inzwischen ein paar Mal im Monat, und jedes Mal weiß ich: Der Post hat funktioniert, egal was die Impressions sagen.

Ob dein Profil dieselbe Person beschreibt wie deine Posts. Der Fehler, den ich am häufigsten sehe: scharfe Posts über einem Profil, das jemand anderen beschreibt. Das Ergebnis sind viele Profilaufrufe und keine Nachrichten. Öffne dein Profil im Inkognito-Fenster, lies die ersten drei Zeilen, leg deine letzten zehn Posts daneben. Beschreiben die dieselbe Person? (Fast niemand schafft das allein, weil du dein eigenes Profil nicht als Fremder lesen kannst. Du weißt ja, was du gemeint hast.)

Was mich an der Reaktion darauf am meisten beschäftigt hat, war nicht die Trauer um die Zahl. Es war, wie sehr Leute, die ein echtes Business auf LinkedIn aufgebaut haben, an einer Kennzahl hingen, die nie jemand außer ihnen gesehen hat, die nie etwas mit Reichweite zu tun hatte und die die Plattform selbst inzwischen für eine Ablenkung hält.

Ich glaube, das ist das eigentliche Learning dieser Woche, und es geht weit über den SSI hinaus. Jede Zahl, die dir eine Plattform gibt, kann sie dir auch wieder nehmen. Impressions, Follower, Scores. Alles gemietet. Was dir gehört, sind die Leute, die dir antworten, die dich zitieren und die sich in deine Liste eintragen. Das misst kein Index. Das musst du selbst zählen.

LinkedIn räumt gerade ein Sales-Werkzeug zurück in die Sales-Schublade, wo es hingehört. Für alle, die auf LinkedIn eine Personal Brand bauen, ist das eine gute Nachricht. Der Wettbewerb um eine Zahl, die nie jemand gesehen hat, hört auf.

Und trotzdem: Ich verstehe, warum der SSI beliebt war. Er war einfach. Ein Wert, vier Balken, fertig.

Eine Frage an dich, ehrlich gemeint: Hast du deinen SSI jemals einem Kunden gezeigt? Und falls ja, was hat er damit gemacht? Antworte einfach auf diese Mail, ich lese alles.

Bis nächste Woche Sonntag, Samuel

P.S.

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